Therapeutin erklärt einem Kind den Umgang mit einem Stift

Ergotherapie im Kindergarten – Geht das?

Nach dem Kindergarten noch zur Ergotherapie? Dies ist nicht immer möglich. Manche Kinder sind einfach nach einem lauten und actionreichen Kindergartentag zu müde, erschöpft oder auch überreizt. Und oft genug gibt es schlicht keine freien Nachmittagsplätze, da diese schon von den Schulkindern belegt sind. Zudem herrscht Therapeutenmangel in Deutschland und Therapieplätze sind generell rar. 

Es ist also nur verständlich, dass sich Eltern wünschen, die Ergotherapie möge doch bitte im Kindergarten stattfinden. 

Im Folgenden möchte ich Hinweise geben, wann eine Ergotherapie im Kindergarten durchgeführt werden kann. 

Inhaltsübersicht

Ergotherapie im Kindergarten für Privatversicherte

Ja, es ist tatsächlich leider so: Bei Privatversicherten ist es um einiges leichter, eine Ergotherapie im Kindergarten durchzuführen.

Dies liegt schlicht daran, dass die Heilmittelpraxen mit den privaten Krankenversicherungen keine Verträge abschließen müssen wie mit den gesetzlichen Krankenkassen.

Wenn dein Kind ist über dich privat krankenversichert ist, so kommt durch die Honorarvereinbarung ein Vertrag zwischen dir und der Therapiepraxis zustande. 

Bei gesetzlich Versicherten ist dies anders.

Dort müssen wir Therapiepraxen einen Rahmenvertrag mit den gesetzlichen Krankenkassen abschließen und vorgegebene Heilmittelrichtlinien einhalten.  Bei den privaten Versicherungsanstalten gibt es keine solchen Verträge mit den einzelnen Praxen.

Ich als Praxisinhaberin habe also mit deiner Privatversicherung bzw. der deines Kindes gar nichts zu tun.

Du bekommst von mir die Rechnung für die stattgefunden Leistungen und reichst diese dann zur Erstattung bei der entsprechenden Privatversicherung ein. Ob und in welcher Höhe die private Kasse dann die Kosten erstattet, richtet sich nach dem von dir abgeschlossenen Tarif

Ich habe bisher von noch keinem Tarif gehört, der Vorgaben zum Ort der Leistungserbringung gemacht hätte. Insofern ist es rein formal kein Problem, die Behandlungsstunden für Privatversicherte (oder auch nur einen Teil davon) in der Einrichtung abzuhalten.

Was von unserer Seite möglich wäre, muss jedoch nicht unbedingt auch seitens des Kindergartens möglich sein.

Für die Durchführung der Ergotherapie ist in jedem Fall ein separater Raum notwendig, um eine ungestörte Atmosphäre gewährleisten zu können. Weiterhin muss der Kindergarten dieser Kooperation gegenüber positiv gegenüber eingestellt sein. 

Ob eine Ergotherapie im Kindergarten durchgeführt werden kann hängt also auch von den Möglichkeiten und der Kooperationsbereitschaft der Einrichtung ab. 

Bauklötze symbolisieren Bestandteile einer Krankenversicherung

Ergotherapie im Kindergarten für gesetzlich Versicherte

Dein Kind ist gesetzlich versichert? Dann sind wir als Therapiepraxis an die Krankenkassenverträge und Heilmittelrichtlinien gebunden, in der die Zusammenarbeit eng geregelt ist. 

Dort heißt es beispielsweise: 

2 Die Verordnung eines Hausbesuchs ist nur dann zulässig, wenn die Patientin oder der Patient aus medizinischen Gründen die Therapeutin oder den Therapeuten nicht aufsuchen kann oder wenn sie aus medizinischen Gründen zwingend notwendig ist. 3 Die Behandlung in einer Einrichtung (z. B. tagesstrukturierende Fördereinrichtung) allein ist keine ausreichende Begründung für die Verordnung eines Hausbesuchs.

Quelle: www.g-ba.de

Was könnten medizinische Gründe sein, die einen Hausbesuch nötig machen?

Ein medizinischer Grund für einen Hausbesuch liegt zum Beispiel dann vor, wenn sich das Therapieziel ganz konkret auf den Alltag in den eigenen vier Wänden bezieht und für die Erreichung dieses Ziels die realen Umgebungsbedingungen innerhalb der Therapiestunde Voraussetzung sind. 

Dies ist z.B. der Fall, wenn der konkrete Umgang mit einem Badezimmerlifter geübt werden soll und bezieht sich in diesem Fall eher auf die Behandlung von Menschen mit schwereren körperlichen Behinderungen. 

Ein medizinischer Grund liegt weiterhin vor, wenn das Kind aus gesundheitlichen Gründen nicht transportfähig ist. Dies ist z.B. der Fall, wenn es bettlägerig ist oder wenn der Transport mit einem Fahrzeug aufgrund der Grunderkrankung zu anstrengend für das Kind wäre.

Im Text der Heilmittelrichtlinie ist weiterhin geregelt: 

(2) 1 Die Behandlung von Kinder und Jugendliche bis zum vollendeten 18. Lebensjahr, gegebenenfalls darüber hinaus bis zum Abschluss der bereits begonnenen schulischen Ausbildung, ist ausnahmsweise ohne Verordnung eines Hausbesuches außerhalb der Praxis möglich, soweit die Versicherten ganztägig eine auf deren Förderung ausgerichtete Tageseinrichtung besuchen und die Behandlung in dieser Einrichtung stattfindet. 2 Dies können auch Regelkindergärten (Kindertagesstätten) oder Regelschulen sein. 3 Voraussetzung dafür ist, dass sich aus der Verordnung der Heilmittelbehandlung eine besondere Schwere und Langfristigkeit der funktionellen oder strukturellen Schädigungen sowie der Beeinträchtigungen der Aktivitäten ergibt. 4 Dies soll in der Regel bei einem behördlich festgestellten Förderstatus angenommen werden. 5 § 6 Absatz 2 darf dem nicht entgegenstehen."

Quelle: www.g-ba.de (Heilmittelrichtlinie)

Behandlung in der Einrichtung – ohne Verordnung eines Hausbesuchs

Die Heilmittelrichtlinie erläutert aber auch noch den Fall: Behandlung ohne Verordnung eines Hausbesuchs in einer Einrichtung. Was hat es nun damit auf sich?

Heilmittelrichtlinie §11 (2): Ohne Verordnung eines Hausbesuchs ist die Behandlung außerhalb der Praxis des Therapeuten oder der Therapeutin ausnahmsweise für Kinder und Jugendliche bis zum vollendeten 18. Lebensjahr, ggf. darüber hinaus bis zum Abschluss der bereits begonnenen schulischen Ausbildung möglich, die ganztägig in einer auf deren Förderung ausgerichteten Tageseinrichtung untergebracht sind, soweit § 6 Absatz 2 dem nicht entgegensteht.

4 Voraussetzung ist, dass sich aus der ärztlichen Begründung eine besondere Schwere und Langfristigkeit der funktionellen/ strukturellen Schädigungen sowie der Beeinträchtigungen der Aktivitäten ergibt und die Tageseinrichtung auf die Förderung dieses Personenkreises ausgerichtet ist und die Behandlung in diesen Einrichtungen durchgeführt wird.“

Die Hürden für den Fall, dass die gesetzliche Krankenkasse zwar die Therapiestunde bezahlt, jedoch nicht die Fahrtzeit und die gefahrenen Kilometer, sind also recht hoch. Der hier geschilderte Fall kommt eigentlich nur bei Kindern mit starken Behinderungen vor – wenn diese in einer ganztägigen Fördereinrichtung untergebracht sind. 

Frühförderung plus ambulante Ergotherapie?

Dein Kind ist gesetzlich versichert und erhält bereits Frühförderung? Dann ist eine zusätzliche ambulante Ergotherapie für gesetzlich Versicherte nicht mehr möglich. 

Die Richtlinie schreibt dazu in §6: 

“(3) Heilmittel dürfen nicht verordnet werden, soweit diese im Rahmen der Frühförderung nach § 46 Absatz 1 und 2 und § 79 SGB IX in Verbindung mit der Frühförderungsverordnung vom 24. Juni 2003, geändert am 23. Dezember 2016, als therapeutische Leistungen bereits erbracht werden.”

Bei Privatversicherten sind wir nicht an die Heilmittelrichtlinie der gesetzlichen Kassen gebunden, sofern dies nicht ausdrücklich als Bedingung im Tarifvertrag aufgeführt ist. Privatversicherte können somit zusätzlich zur Frühförderung eine ambulante Ergotherapie in Anspruch nehmen. Sofern die Einrichtung dem offen gegenübersteht und es zeitlich für die Therapiepraxis machbar ist, geht dies sogar auch als Ergotherapie im Kindergarten. 

Dürfen Eltern die von den gesetzlichen Kassen nicht gezahlten Beträge aus eigener Tasche zuzahlen?

Die Kosten für die Behandlung auf Rezept werden entsprechend der vertraglichen Bestimmungen von den privaten oder gesetzlichen Krankenversicherungen übernommen.

Wie oben erwähnt, übernimmt die gesetzliche Kasse nur in Ausnahmefällen auch die  Hausbesuchsgebühr und Kilometerkosten. In der Regel zahlt sie  lediglich die Behandlungszeit in der Einrichtung.

Aus diesem Grund ist es für Praxen unwirtschaftlich, eine Einrichtung anzufahren, wenn nicht mehrere gesetzlich versicherte Kinder dort behandelt werden. 

Tragischerweise verbieten es uns die Verträge mit den gesetzlichen Krankenkassen, den Versicherten zusätzliche Gebühren zu berechnen.

Wenn Eltern also anbieten “Dann zahlen wir die Wegezeit und Kilometer eben aus eigener Tasche dazu” muss ich leider für gesetzlich versicherte Kinder ablehnen. Bei privat versicherten Kindern ist dies wiederum möglich.

Unfaire Ungleichbehandlung

Du findest diese Regelungen genau so unfair wie ich? Dann sprich die Politiker bei dir vor Ort an und mache sie auf diese Ungleichbehandlung aufmerksam! 

 

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Seit mehr als 15 Jahren stehe ich Eltern bereits als Dipl-Ergotherapeutin bei Fragen zur Kindesentwicklung und -förderung mit Rat und Tat zur Seite.